Urban Branding – ein neues Schlagwort in den heutigen Debatten rund um die Stadtentwicklung. Ein Begriff, der sich zusammensetzt aus Stadt und Marke, Raum und Produktanpreisung, soziales Geflecht und Identitätssuche. Im Gegensatz zu früheren „Kommunikationsstrategien“ – wenn man die damaligen diskursiven Mittel als solche bezeichnen konnte – wird das heutige Image einer Stadt charakterisiert durch die naturräumliche Lage, die historische Bedeutung der Stadt, bedeutsame Persönlichkeiten und das baukulturelle Erbe sowie dessen Architekturen, die das Stadtbild prägten und prägen.
Im Rückblick auf die Quadriennale Düsseldorf 2014 unterhielten wir uns mit Hanke Homburg, Geschäftsführer der Bremer Agentur GfG/Gruppe für Gestaltung, u.a. über das Thema Urban Branding sowie den produzierten Imagefilm „Über das Morgen hinaus“, der mit rund 4.000 Metern Tape eine Verbindung schafft zwischen Marke und Raum.
Hanke, das diesjährige Leitthema der Quadriennale Düsseldorf - „Über das Morgen hinaus“ - ließ viel Spielraum für Interpretationen. Wo setzt man gestalterisch an und wo hört man auf?
A: Unter dem Thema »Über das Morgen hinaus« entwickelten die Museen Leitbegriffe, die für die Kernaspekte der Ausstellungen und für die inhaltliche Verbindung zwischen den beteiligten Museen stehen: Himmel, Rückzug, Erde, Feuer, Licht, Experiment, Fortschritt, Aufbruch, Verwandlung, Neugier, Utopie.
Damit gab es definierte Bezugspunkte, an die wir ansetzen konnten. Das Thema, die Leitbegriffe und die Verbindungen zwischen den Museen inszenierten wir im Rahmen eines künstlerischen URBAN BRANDING Projektes mit Studenten der Kunstakademie Düsseldorf direkt an den Fassaden und auf den Plätzen der Stadt.
Die lilafarbenen Tape Art-Installationen prägten für die Zeit der Quadriennale die Stadt und wurden gestalterisch auf alle Medien übertragen. Insbesondere das Hauptmotiv der Kampagne entstand direkt aus einer URBAN BRANDING-Aktion und dokumentiert so auch die aktive Beteiligung vieler Akteure an dem Kunstfestival und die Öffnung in die Stadt hinein.
In wie weit hat das Lebensgefühl der Stadt Düsseldorf sowie die subjektiven Sichtweisen der dortigen Bewohner eine konzeptionelle Rolle gespielt?
A: Ich kannte Düsseldorf vor dem Projekt so gut wie gar nicht. Vielleicht sind wir gleich in der richtigen Ecke gelandet und haben die richtigen Leute getroffen. Auf jeden Fall ist es beeindruckend, wie stark die Kunst in der Stadt verankert ist und auch der Wille der Akteure da war, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Das hat uns sicherlich Mut gemacht, außergewöhnliche Wege zu gehen.
Mit der Kunstbewegung des „Tape Art“ wurde eine gute Möglichkeit gefunden, die insgesamt elf Begriffe kunstvoll miteinander zu verknüpfen. Doch wie passt der neue Trend der Grafitti-Szene zu der Nobles und Arroganz Düsseldorfs?
A: In den eineinhalb Jahren, die ich an dem Kunstfestival mitgewirkt und viel Zeit in der Stadt verbracht habe, habe ich viele Menschen kennengelernt, die offen für Neues und vor allem hilfsbereit waren. Keine Spur von Arroganz, sonst wären wir mit unseren »Tape Art« Aktionen auch nicht weit gekommen. Ich hoffe auch in Zukunft werden sich Räume in der Stadt finden oder geschaffen werden, in denen solche Aktionen möglich sind, denn die Kunstszene ist und bleibt immens wichtig für die Stadt.
Man solle „facettenreicher kommunizieren“, das war auch das Resultat der Studie (http://www.duesseldorf.de/marke/studie/index.shtml) zum neuen Markenauftritt. War das
auch der Grund für die lila Farbgebung - schließlich stellt diese einen Bruch zu dem in rot gehaltenen Corporate Design (http://www.designtagebuch.de/der-neue-markenauftritt-der- stadt-duesseldorf-d/) der Stadt dar?
A: Die Farbe Lila war bei der Quadriennale 2010 eingeführt und anschließend im Corporate Design festgeschrieben worden. Daher war die Farbe gesetzt und wir haben zugesehen, wie wir diese gestalterisch einsetzen können. Letztendlich sind wir ja sehr expressiv mit der Farbe nach draußen gegangen. Die »facettenreiche Kommunikation« aus der Studie meint aber in erster Linie, die ausgetretenen Kommunikationswege zu verlassen. Und das haben wir durch unsere crossmediale Kampagne unter Beteiligung der Akteure sicherlich intensiv betrieben und konsequent umgesetzt.
Bleiben wir bei dem von Euch produzierten Image- bzw. Kurzfilm: Worin lag die Herausforderung bei Eurem Experiment aus Street Art, Tape Art und Stop-Motion?
A: Bei allem. Wir mussten alles testen und ausprobieren. Da wir auf sehr unterschiedlichen Fassaden und Untergründen mit dem Tape gearbeitet haben, war allein schon die Materialauswahl eine große Herausforderung. Ganz abgesehen von der Frage, wie man eigentlich an die Fassaden rankommt. Zum Teil haben wir dann mit Leuten vom Alpenverein zusammengearbeitet, die uns unterstützt haben und an den Fassaden hochgeklettert sind. Die filmische und technische Umsetzung hatte es natürlich auch in sich, aber das Team hat diese Herausforderung mit viel Spaß und Engagement an der Sache gelöst.
Und wie stand es um die Akzeptanz Eures Vorhabens seitens der Stadt sowie der beteiligten Kunsthäuser und Museen - schließlich wurden deren Brücke, Wände und Co. plakatiert?
A: Die beteiligten Museen waren von Anfang an in die Entwicklung der Gestaltung und der begleitenden Maßnahmen und Aktionen mit eingebunden. Auch mit den verantwortlichen Stellen der Stadt haben wir uns ausgetauscht. Es gab ein paar Situationen die wir aus Denkmalschutzgründen nicht umsetzen konnten, aber vieles wurde zugelassen und aktiv unterstützt, z. B. Installationen an den Rheinbrücken anzubringen oder die Bäume im Park einzuwickeln. So etwas ist ohne den guten Willen aller Beteiligten nicht machbar.
Die Quadriennale Düsseldorf hat in diesem Jahr mehr als 310.000 Kulturinteressierte – im Vergleich zu 2010 ein Zuwachs von mehr als 60.000 Besuchern – verzeichnen können. Spielt das Thema „Urban Branding“ in Zukunft eine immer wichtigere Rolle für Kommunen und Städte?
A: „Urban Branding“ ist meiner Ansicht nach nur ein Schlagwort von vielen, die im weiten Feld der „Intervention in den Stadtraum“ von Bedeutung sind. Wesentlich ist eine thematische Öffnung in den Stadtraum hinein und die Stadt als Bühne zu verstehen. Dabei ist es entscheidend, dass viele Protagonisten vor Ort mit eingebunden werden, es ist schließlich ihre Stadt. Natürlich müssen auch Künstler und andere Kreative von außen kommen, aber häufig werden die eigenen Akteure dabei zu wenig mitgenommen.
Bleiben wir in der Zukunft und nähern uns dem Leitthema - „Über das Morgen hinaus“ einmal anders: Wie sieht für Dich die perfekte Stadt von morgen aus?
A: Eine lebenswerte Stadt darf für mich keine „perfekte“ Stadt sein. Gestalteter Raum und Freiraum müssen sich die Waage halten. Das gilt nicht nur architektonisch bzw. stadtplanerisch, sondern auch für das, was eine Stadt bzw. deren Verwaltung seinen Bewohnern an Gestaltungs- und Handlungsspielraum gibt. Ich halte »Monokulturen« für extrem kontraproduktiv. Kulturelle und gestalterische Brüche sind dagegen inspirierend.
Und welche Charakterzüge würden sich im Gegensatz zu unserem heutigen Stadtbild verändern? Welches Branding sticht hervor?
A: „Branding“ ist für mich ein Schlagwort. Als Gestalter interessiert mich zunächst immer, worum geht es, was soll erreicht werden? Die Antwort darauf kann mal laut und grell ausfallen, beim nächsten Projekt aber auch wieder subtil und still.
Die meisten guten Kampagnen arbeiten bereits crossmedial, d.h. auf einer guten Kernidee basierend, baut die inhaltliche Verbindung zwischen Aktionen und Branding im Außenraum und den digitalen und klassischen Printmedien auf.
Zukünftig werden wir natürlich verstärkt die digitalen und interaktiven Medien im Außenraum erleben. Projektion Mapping, Lumentektur, interaktive LED Fassaden – »Minority Report« lässt grüßen. Dabei hoffe ich gleichzeitig, dass Entwicklungen, wie das Urban Gardening, vertikale Gärten und Freiräume für künstlerische Interventionen das Bild unserer Städte mit prägen werden. Selbstverständlich gibt es für Gestalter auch hier viele Möglichkeiten, Themen, Marken und Unternehmen intelligent in Szene zu setzen.
In Düsseldorf hat es jetzt einen Regierungswechsel gegeben, und die neue Ampel- Koalition aus SPD, den Grünen und der FDP hat als erste „ Kulturmaßnahme“ die Quadriennale abgeschafft. Ist das für dich nachvollziehbar?
A: Dass die Quadriennale als Kunstfestival nicht unumstritten war, ist schon lange bekannt. Zumal diese ja aus CDU-Zeiten stammt, da scheint der Oppositionsreflex dann doch sehr ausgeprägt zu sein. Bedauerlich ist nur, dass sich keine Zeit genommen wurde, das Ergebnis der jetzigen Quadriennale, die mit 316.000 Besuchern und ihrem Programm durchaus ein Erfolg war, vernünftig zu analysieren. Natürlich gibt es auch an dieser Quadriennale noch einiges zu optimieren. Aber alle Beteiligten sind sich einig, dass das Kunstfestival 2014 ein Quantensprung zu seinen Vorgängern (2010 und 2006) darstellt. Diesmal haben 13 Museen und Institutionen wirklich miteinander an dem Projekt gearbeitet und auch schon ihren Willen bekundet, dies für die Quadriennale 2018 noch zu intensivieren. Außerdem wurden die freie Szene und viele Protagonisten vor Ort mit eingebunden.
Soweit ich weiß, hat der neue Düsseldorfer Rat weder die Meinung und Vorschläge der Museumsdirektorinnen und Museumsdirektoren für die zukünftige Entwicklung aufgenommen, noch die Zusammenfassung der Maßnahmen und Ergebnisse des diesjährigen Kunstfestivals seitens der Geschäftsführung der Quadriennale angehört. Das endgültige Aus kam quasi über Nacht. Die meisten haben die ad hoc-Entscheidung aus der Zeitung erfahren. Ich halte dieses Vorgehen für einen großen Fehler. Veränderung und Weiterentwicklung sind gut, sie sollten aber zusammen mit den Beteiligten bzw. Betroffenen entwickelt werden. Die ganze positive Energie und
das Engagement aller Beteiligten aus den vergangenen Monaten ist jetzt vertan, anstatt dazu genutzt zu werden, sich weiter zu verbessern.